Bei der Halbleiterindustrie denken die meisten an Fertigungsprozesse und hohe Anlageninvestitionen. Doch ein Unternehmen besitzt weder Fabriken noch stellt es fertige Produkte her: der britische Halbleiterdesigner ARM (Arm Holdings).
ARM beherrscht den Markt allein mit immateriellen Vermögenswerten. Diese Stellung beruht nicht auf einem außergewöhnlichen Patent, sondern auf der Gestaltung seiner Lizenzen. In diesem Beitrag untersuche ich ARMs Lizenzstrategie genauer.
🏭 Ein Unternehmen ohne Fabriken, herausragende Ergebnisse
ARM entstand im November 1990 als Gemeinschaftsunternehmen von Acorn Computers, Apple und VLSI Technology. Zwölf Ingenieure begannen in einem ehemaligen Truthahnstall bei Cambridge. Eine Entscheidung von Robin Saxby, der im folgenden Jahr erster CEO wurde, gilt als Grundlage des heutigen ARM: Statt selbst Chips herzustellen, lizenzierte das Unternehmen Prozessorentwürfe an andere Firmen und erhielt Vorauszahlungen sowie umsatzabhängige Lizenzgebühren. Damals war das ein ungewöhnliches Geschäftsmodell.
Diese Prozessorentwürfe gelangten über Texas Instruments 1997 in das Nokia 6110 und eroberten den Mobiltelefonmarkt. Später wurden sie zum Standard der Smartphone-Ära. Laut ARMs Börsenunterlagen basierten Ende 2022 99% der mobilen Anwendungsprozessoren auf ARM; kumuliert wurden mehr als 350 Milliarden Chips ausgeliefert.
Die Ergebnisse des im März 2026 beendeten Geschäftsjahres lauten:
Ohne Fabriken und Lagerbestände schlägt zusätzlicher Umsatz unmittelbar auf den Gewinn durch. Welche Lizenzgestaltung ermöglicht eine derart bemerkenswerte Struktur?
🧩 Eine Technologie, drei Lizenzwege
Bei einer Core-Lizenz übernimmt der Kunde einen bereits von ARM entworfenen CPU-Kern, etwa Cortex oder Neoverse. Abgesehen von einigen Konfigurationsoptionen kann er den Kern selbst nicht verändern; Entwicklungszeit und Risiken sinken jedoch erheblich. Die meisten Lizenznehmer wählen diesen Einstieg.
Eine Architekturlizenz liefert statt eines fertigen Kerns die Befehlssatzspezifikation und Werkzeuge zur Kompatibilitätsprüfung. Damit entwirft der Kunde seinen Kern von Grund auf selbst. Apples M-Serie und Qualcomms Spitzenmodelle der Snapdragon-Reihe gehören dazu. Aufwand und Kosten sind deutlich höher, dafür lassen sich auf eigene Produkte optimierte Kerne entwickeln. Das Ergebnis muss jedoch ARMs Kompatibilitätstests bestehen: Die Umsetzung ist Sache des Kunden, die Spezifikation muss eingehalten werden.
POP (Processor Optimization Pack) umfasst zusätzlich physische Designs, die auf einen bestimmten Prozess einer bestimmten Foundry optimiert sind. Unternehmen ohne ausreichende Fähigkeiten zur eigenen Kernoptimierung erhalten so validierte Leistung. Das schließt die Lücke zwischen Entwurf und Fertigung.
Hinzugekommen ist zuletzt CSS (Compute Subsystem): CPU-Kerne werden zusammen mit umgebender IP wie Interconnects und Speichercontrollern vorab integriert, geprüft und als Paket angeboten. Mitte 2025 hatten zehn Unternehmen insgesamt 16 CSS-Lizenzen abgeschlossen.
Besonders fällt mir auf, dass Kunden unabhängig von der gewählten Ebene letztlich in dasselbe Architekturökosystem eintreten. Selbst Apple, das ganze Kerne neu entwirft, verwendet ARMs Befehlssatzspezifikation und lässt die Kompatibilität durch ARM-Tests bestätigen. Kunden genießen große technische Freiheit, während ARM die Kontrolle über die weitere Entwicklung der Architektur behält.
Die Gestaltung schließt Wettbewerber also nicht aus, sondern öffnet mehrere Türen, durch die mehr Unternehmen eintreten können.
📈 Eine Struktur mit steigenden Preisen bei jedem Generationswechsel
ARM hat zwei Erlösquellen: die bei Vertragsabschluss gezahlte Lizenzvorauszahlung und laufende Gebühren für jeden verkauften Chip, der den Entwurf enthält.
Die Vorauszahlung hängt stark vom Lizenztyp ab. Bei Architekturlizenzen soll sie zwischen 1 und 10 Millionen US-Dollar liegen.
Interessant ist der laufende Gebührensatz. Nach öffentlichen Angaben von ARM liegt er für die aktuelle v9-Architektur etwa doppelt so hoch wie für v8; CSS liegt noch darüber. Rückgerechnet aus den Börsenunterlagen erhielt ARM 2022 rund 1,78 Milliarden US-Dollar an laufenden Gebühren auf Chips mit ARM-Technik im Gesamtwert von etwa 98,9 Milliarden US-Dollar. Der Gesamtdurchschnitt betrug also 1,7–1,8% des Chippreises. Mit höheren Generationen steigt auch dieser Durchschnitt.
ARMs Umsatz wächst somit selbst ohne mehr verkaufte Chips, allein weil Kunden auf neuere Architekturen umsteigen. Tatsächlich trieb zuletzt die verstärkte Nutzung von v9 und CSS das Gebührenwachstum, nicht ein höheres Auslieferungsvolumen.
Eine weitere Besonderheit ist die Zeitstruktur. Laut Börsenunterlagen stammten im Geschäftsjahr bis März 2023 rund 46% der laufenden Gebühren aus Produkten, die zwischen 1990 und 2012 erschienen waren. Fast die Hälfte der heutigen Gebühren geht somit auf mehr als zehn Jahre alte Entwürfe zurück.
Einmal etablierte immaterielle Vermögenswerte erwirtschaften sehr lange Erträge. Das zeigt, wie stark sich der Zeithorizont eines solchen Geschäfts von dem der Fertigungsindustrie unterscheidet.
🇰🇷 Südkoreas Position
Südkorea steht in der Prozessorentwicklungsbranche überwiegend auf der Nutzerseite.
Die meisten im Land entworfenen Prozessoren, darunter Samsung Electronics’ Exynos, nutzen ARM-Lizenzen. Koreanische Fabless-Unternehmen haben zudem weniger als 1% Weltmarktanteil. Viele sind kleine Firmen mit Jahresumsätzen unter 10 Milliarden Won; IP-Lizenzkosten wirken daher bereits als Eintrittsbarriere. Vor diesem Hintergrund betreibt das Ministerium für Handel, Industrie und Energie seit 2021 über das System Semiconductor Design Support Center Programme mit Preisnachlässen auf internationale IP, ARM-Technologieberatung und Kostenzuschüssen für heimische IP.
Es gibt auch Fortschritte. OPENEDGES Technology, 2017 gegründet, bietet Speicher-Subsystem- und NPU-IP mit Lizenz- und Gebührenmodellen an und erweitert seinen ausländischen Kundenkreis. Das Unternehmen ist eines der seltenen koreanischen Beispiele, das mit diesem Modell bis zum Börsengang gelangt ist.
Die Größenordnungen sind noch nicht vergleichbar. Dennoch ist es bedeutsam, dass der Schritt vom Kauf und Einsatz fremder IP zum Verkauf eigener IP gegen laufende Gebühren begonnen hat.
🧭 Abschließende Gedanken
Eine weitere Entwicklung ist erwähnenswert: 2026 brachte ARM erstmals in seiner 35-jährigen Geschichte einen eigenen Siliziumchip heraus, eine CPU für KI-Rechenzentren. Das Unternehmen, das zuvor nur Entwürfe verkaufte, betrat damit den Markt für fertige Produkte. Wer bisher IP lizenzierte und nun selbst Chips herstellt, wird zum potenziellen Wettbewerber seiner bestehenden Lizenznehmer. Ob das durch weite Verbreitung aufgebaute Vertrauen diesen Übergang übersteht, dürfte in den nächsten Jahren besonders interessant werden.
Die Lehre aus ARM lautet: Die Bewirtschaftung immaterieller Vermögenswerte geht über gute Patentverwaltung hinaus. Patente bleiben wichtig, doch ARMs eigentliche Wettbewerbsstärke lag in der Gestaltung nach dem Patent. Werden Patente nur als Rechte verwaltet, sind sie Kosten; werden sie als Standards und Ökosystem gestaltet, werden sie industrielle Infrastruktur. Der künftige Unternehmenswert wird nicht davon abhängen, wie viele immaterielle Vermögenswerte vorhanden sind, sondern ob sie so gestaltet wurden, dass sie in der Branche unentbehrlich sind.
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