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Die Welt durch Patente (3) — Krebsbehandlung, die letzte Aufgabe der Menschheit

Die Welt durch Patente (3) — Krebsbehandlung, die letzte Aufgabe der Menschheit

Das dritte Thema von „Die Welt durch Patente“ ist die Krebsbehandlung.

Krebs bleibt eine der größten ungelösten Aufgaben der Menschheit. Betrachten wir jedoch die Entwicklung der vergangenen fünfzig Jahre anhand von Patenten, erkennen wir, dass sich dieser Kampf in den letzten zehn Jahren deutlich verändert hat.

Diesen Wandel fasse ich anhand zweier Berichte des Europäischen Patentamts (EPA) zur Innovation bei Krebstherapien von 2024 und 2025 zusammen: Patents and innovation against cancer und New Frontiers in Oncology. Sie ordnen 28 krebsbezogene Technologiefelder nach Wachstum und Reifegrad und zeigen auf einen Blick, welche sich derzeit am schnellsten bewegen.




📈 Wendepunkt — was geschah 2015?

 

Zuerst fällt der deutliche Wendepunkt um 2015 auf.

Von 2010 bis 2015 lag das durchschnittliche jährliche Wachstum (CAGR) krebsbezogener internationaler Patentfamilien (IPF) mit 1,7% praktisch auf Stagnationsniveau. 2015–2021 sprang es auf 9,3%, dreimal so viel wie der Durchschnitt aller Technologien im selben Zeitraum (3,0%). Auch die Zahl der Anmeldungen stieg zwischen 2015 und 2021 um 70%.

Abbildung zum Artikel — Die Welt durch Patente (3) — Krebsbehandlung, die letzte Aufgabe der Menschheit

Was geschah 2015? Damals wurden fortlaufend klinische Erfolge der Krebsimmuntherapie gemeldet. Zugleich sanken die Kosten der Next-Generation-Sequenzierung (NGS) drastisch und machten datenbasierte Präzisionsmedizin realisierbar. Der Patentschub deutet also nicht nur auf mehr Forschung hin, sondern darauf, dass Unternehmen kommerzielles Potenzial erkannt hatten und entschlossen in den IP-Wettbewerb eintraten.

Seit 1970 wurden mehr als 140.000 krebsbezogene Erfindungen veröffentlicht. Allein 2021 wurden über 13.000 IPF angemeldet, 3% der weltweiten Patentaktivität dieses Jahres. Diese Wissensansammlung führte auch zu realen Ergebnissen: Durch bessere Diagnose und Behandlung sank die Krebssterblichkeit in der EU zwischen 1988 und 2022 um 12%; Schätzungen zufolge wurden mehr als fünf Millionen Leben gerettet.




🧬 Landschaft — Biotechnologie trifft Digitaltechnik


Der Bericht wählte 28 besonders wachstumsstarke Krebs-Technologiefelder aus und verglich Wachstum und Reifegrad. Die folgende Grafik zeigt die Ergebnisse im Überblick.

Abbildung zum Artikel — Die Welt durch Patente (3) — Krebsbehandlung, die letzte Aufgabe der Menschheit

Nach ihrem Charakter lassen sich diese Wachstumsfelder in zwei Gruppen einteilen:

  • Digital und datenbasiert: Gesundheitsinformatik, Bildanalyse und Flüssigbiopsie.
  • Biologische Therapien der nächsten Generation: zelluläre Immuntherapie, antikörperbasierte Immuntherapie, Gentherapie und nichtkodierende Nukleinsäuren.

Die eine Seite arbeitet mit Daten, die andere mit Zellen und Genen. Das wirkt zunächst getrennt, doch beide Gruppen nähern sich zunehmend an. Grund ist die verstärkte Forschung zur KI-basierten Biomarkerentdeckung: Daten helfen zunächst festzustellen, welche Behandlung bei welchen Patienten wirken dürfte; anschließend werden diesen ausgewählten Patienten Zell- und Gentherapien angeboten.

 



🚀 Besonders interessante Felder

 

Einige Wachstumsfelder stechen besonders hervor.

Zunächst sind dies zelluläre Immuntherapien wie CAR-T und Gentherapien als Vertreter der nächsten Generation biologischer Behandlungen. Beide Technologien sind jung, sodass ihre IPF im Durchschnitt wenig alt sind. Frühe Innovationen wurden eher von Start-ups und Universitätskliniken als von großen Pharmakonzernen geprägt. Hohe Behandlungskosten und komplexe Herstellung sind klare Kommerzialisierungshürden. Die Aussicht auf einmalige statt wiederholter Behandlung zieht jedoch sowohl Investoren als auch Aufsichtsbehörden an. Frühe IP-Positionen dürften den Therapiemarkt der nächsten zehn bis zwanzig Jahre mitbestimmen.

Bei digitalen und datenbasierten Technologien fallen Flüssigbiopsien und KI-Bildanalyse auf. Flüssigbiopsien analysieren zirkulierende Tumor-DNA (ctDNA) im Blut zur frühen Krebsdiagnose oder Beobachtung des Therapieansprechens ohne Gewebeentnahme. Trotz niedrigen Reifegrads gehört das Feld zu den am schnellsten wachsenden bei Anmeldungen. KI-Bildanalyse automatisiert die Auswertung pathologischer Präparate und Bilddaten und erhöht damit Geschwindigkeit und Genauigkeit der Diagnose. Große Technologiefirmen und Medizin-Start-ups treten konkurrierend ein. Wegen geringerer regulatorischer Hürden als bei Therapeutika wird für beide eine schnellere Kommerzialisierung erwartet.

Entwicklung der veröffentlichten Anmeldungen zu Biopsietechnologien
Entwicklung der veröffentlichten Anmeldungen zu Biopsietechnologien

 


 

🌍 Es geht um Überführung, nicht um Forschung

 

Ein anderer Punkt des Berichts beschäftigt mich besonders: Mit denselben Forschungsergebnissen erobern manche Länder globale Märkte, während andere im Start-up-Stadium verbleiben.

In den USA ist der Weg von der Forschung zur Vermarktung am reibungsärmsten. Der Beitrag amerikanischer Forschungseinrichtungen zu krebsbezogenen IPF sank leicht von 44,7% 2016–2018 auf 40,2% 2019–2021. Das liegt nicht an einem Rückgang der Forschung, sondern am schnelleren Portfolioausbau der Unternehmen. Das seit dem Bayh-Dole Act entwickelte Technologietransfersystem und ein dichtes Risikokapitalökosystem bilden eine Infrastruktur, die öffentliche Forschung rasch in private IP überführt.

China folgt einem Modell, in dem der Staat den Rahmen schafft und Unternehmen ihn mit Patenten füllen. Der Anteil chinesischer Forschungseinrichtungen fiel von 38,9% 2010–2012 auf 25,6% 2019–2021, ebenfalls ein Zeichen rasch wachsender Privatunternehmen. Große, mit Fünfjahresplänen verbundene Biotechnologieinvestitionen und unternehmensfreundliche Patentanreize wirken zusammen. Besonders bei der Bildanalyse ist Chinas Anteilszuwachs mit 12,6 Prozentpunkten ausgeprägt.

Europa ist stark in der Forschung, schwach bei der Überführung. Fast die Hälfte der krebsbezogenen EU-Patentanmeldungen stammt von Hochschulen, öffentlichen Forschungseinrichtungen und Krankenhäusern. Die öffentliche Forschung bleibt also auf Spitzenniveau. In den Wachstumsfeldern gingen die Marktanteile dennoch zurück.

Abbildung zum Artikel — Die Welt durch Patente (3) — Krebsbehandlung, die letzte Aufgabe der Menschheit

Die obige Grafik zeigt Folgendes:

  • Europa hat rund 1.500 krebsbezogene Start-ups, mehr als die USA mit 1.325: Großbritannien 290, Frankreich 246, Deutschland 208, Schweiz 151.
  • Die späte Wachstumsphase erreichen jedoch etwa 40% in den USA gegenüber 24% in der EU.
  • 34,7% der EU-Start-ups befinden sich weiterhin in der Seed-Phase.
  • Der durchschnittliche Patentbestand beträgt bei US-Start-ups 8,55 gegenüber 4,07 bei EU-Start-ups.

Die Zahl der Start-ups ist also weltweit am höchsten, die Scale-up-Quote gehört aber zu den niedrigsten. Das sogenannte europäische Paradox* wiederholt sich auch bei Krebstherapietechnologien.

*Die Diagnose, dass Europa in der Grundlagenforschung weltweit führend ist, deren Ergebnisse aber nicht in kommerziellen Erfolg umsetzen kann.



 

🧭 Abschließende Gedanken

 

Die USA scheinen nicht deshalb vorn zu liegen, weil ihre Forschenden besser sind, sondern weil dort Forschungsergebnisse am leichtesten in Patente überführt werden, Patente als Investitionssignal wirken und Investitionen zur Vermarktung führen. China baut diesen Weg mit staatlichem Willen in kurzer Zeit auf; in Europa gehen offenbar irgendwo auf der Strecke die Ressourcen aus.

Dieses europäische Paradox klingt jedoch nicht nur nach einem fremden Problem. Warum trotz Forschung auf Weltniveau keine globalen Unternehmen entstehen, ist auch uns eine vertraute Frage.

Noch ein Gedanke: Solange die Technologien wenig ausgereift und die Anmeldepositionen nicht verfestigt sind, könnte jetzt die letzte schmale Chance für Nachzügler bestehen, früh Position zu beziehen. Wer immer zuerst eine Antwort auf die alte Herausforderung Krebs findet, das ist begrüßenswert. Wo sich die IP sammelt, aus der diese Antwort entsteht, ist allerdings eine andere Frage.

 

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